Habituation, oft einfach als Gewöhnung bezeichnet, ist eine grundlegende Form des Lernens. Dabei schwächt sich die Reaktion eines Lebewesens auf einen Reiz ab oder verschwindet ganz, wenn dieser Reiz wiederholt auftritt und weder positive noch negative Konsequenzen hat. Man spricht hier von nicht-assoziativem Lernen, da keine neue Verbindung zwischen verschiedenen Reizen oder zwischen einem Reiz und einer Reaktion gelernt wird. Dieser Prozess hilft Lebewesen, unwichtige Informationen aus ihrer Umgebung zu filtern und ihre Aufmerksamkeit auf neue oder bedeutsame Ereignisse zu lenken. Habituation ist ein fundamentaler Mechanismus, den man bei vielen Tierarten und auch beim Menschen findet, und er spielt eine wichtige Rolle bei der Anpassung an die Umwelt.
Mechanismen der Habituation
Auf neurologischer Ebene führt wiederholte Reizung dazu, dass weniger Botenstoffe (Neurotransmitter) an den entsprechenden Nervenverbindungen ausgeschüttet werden. Das dämpft die Aktivität in bestimmten neuronalen Bahnen und schwächt somit die Reaktion ab. Das Gehirn lernt gewissermaßen, wiederholte, harmlose Reize zu ignorieren. Dadurch spart der Organismus Energie und kann seine Aufmerksamkeit für neue oder potenziell wichtige Informationen reservieren. Psychologisch hängt Habituation eng mit Lern- und Gedächtnisprozessen zusammen. Erfährt ein Lebewesen einen Reiz wiederholt ohne negative Folgen, stuft es ihn als ungefährlich oder unbedeutend ein, was zu einer verringerten emotionalen und verhaltensmäßigen Antwort führt.
Beispiele für Habituation
Gewöhnungsprozesse begegnen uns ständig im Alltag, sowohl bei Menschen als auch bei Tieren:
-
Geräusche: Wer nahe einer vielbefahrenen Straße wohnt, nimmt den Verkehrslärm nach einiger Zeit kaum noch bewusst wahr. Ein anfangs störendes Geräusch, wie das Ticken eines Weckers, wird oft nach kurzer Zeit ausgeblendet.
-
Gerüche: Beim Betreten einer Parfümerie kann der Duft überwältigend sein, doch nach einer Weile nimmt man ihn weniger intensiv wahr.
-
Visuelle Reize: Ein neues Bild an der Wand fällt zunächst auf, wird aber mit der Zeit zu einem gewohnten Teil der Umgebung, dem weniger Beachtung geschenkt wird.
-
Wildtiere: Präriehunde stoßen normalerweise einen Warnruf aus, wenn sie Schritte hören. Stellen sie wiederholt fest, dass von den Schritten keine Gefahr ausgeht, unterbleibt die Reaktion. Ähnlich können sich Tiere in Nationalparks an die Anwesenheit von Menschen gewöhnen und ihre Scheu verlieren.
-
Haustiere: Eine Katze, die anfangs Berührungen gegenüber skeptisch ist, kann sich durch sanfte, wiederholte Erfahrungen an das Streicheln gewöhnen. Ein Hund reagiert vielleicht anfangs aufgeregt auf das Geräusch der Leine in Erwartung eines Spaziergangs; wird die Leine jedoch häufig ohne anschließenden Ausflug aufgenommen, kann diese Erregung nachlassen.
Habituation vs. Sensibilisierung
Habituation und Sensibilisierung sind zwei gegenläufige Formen des nicht-assoziativen Lernens. Während bei der Habituation die Reaktion auf einen wiederholten Reiz schwächer wird, führt Sensibilisierung zu einer Verstärkung der Reaktion. Dies geschieht oft nach besonders intensiven oder als bedrohlich wahrgenommenen Reizen. Ein plötzliches lautes Geräusch kann beispielsweise erst eine verstärkte Schreckreaktion auslösen (Sensibilisierung), tritt es jedoch wiederholt ohne negative Folgen auf, kann die Reaktion durch Habituation wieder abnehmen.
Habituation in der Therapie
Das Prinzip der Habituation ist ein wichtiger Baustein in der Verhaltenstherapie, besonders bei der Behandlung von Angststörungen und Phobien beim Menschen. Bei der Expositionstherapie setzt man Patienten schrittweise und wiederholt den angstauslösenden Reizen oder Situationen aus. Ziel ist es, eine Gewöhnung zu erreichen und so die Angstreaktion zu verringern. Durch die wiederholte Erfahrung, dass die befürchtete Situation ohne negative Konsequenzen bleibt, lernen die Betroffenen, diese als weniger gefährlich einzustufen, und die Angst lässt nach.
Habituation bei Tieren
Auch in der Verhaltenstherapie nutzt man Habituation gezielt. Hunde mit Angst vor lauten Geräuschen (z.B. Feuerwerk) können durch kontrollierte, wiederholte Konfrontation mit diesen Geräuschen in einer sicheren Umgebung lernen, weniger stark darauf zu reagieren. Hierbei arbeitet man oft eng mit den Prinzipien der Desensibilisierung (schrittweise Steigerung der Reizintensität) und der Gegenkonditionierung (Aufbau einer positiven Assoziation mit dem Reiz, z.B. durch Belohnungen). Das Ziel ist es, die negative emotionale Reaktion des Tieres auf den ursprünglich furchteinflößenden Reiz zu reduzieren und Stress zu mindern. Dies geschieht idealerweise im Rahmen von Trainingsansätzen, die auf positiver Verstärkung basieren und das Wohlbefinden des Tieres in den Mittelpunkt stellen.