Alles fing damit an, dass Käpt'n Jack bei zwei Spaziergängen nicht zurückkehrte, als Anja Helling nach ihm rief. Das sah dem ehemaligen Schulhund gar nicht ähnlich. Normalerweise hörte er immer auf ihr Signal.
Die Hundetrainerin aus Hamburg suchte nach ihrem Hund und fand ihn beide Male erstarrt, irgendwie wie ausgewechselt, vor. Sie dachte, dass ihn vielleicht etwas erschreckt, verwirrt oder in Angst versetzt hatte. Aber es kam ihr komisch vor. Außerdem stellte sie fest, dass ihr Hund zunehmend stärker auf Bewegungsreize reagierte.
Vom ersten bekannten Anfall bis zur Diagnose
Bei einem Spaziergang mit ihrer Mutter sah Anja Helling schließlich, was wahrscheinlich auch schon vorher der Grund für sein Verhalten gewesen war: Der Käpt'n übergab sich, fiel auf die Seite und fing an zu zittern und zu krampfen. Geistesgegenwärtig filmte Anja Hellings Mutter die Situation mit ihrem Handy – was später noch weiterhelfen sollte.
Anja Helling fuhr mit dem Käpt'n in eine Tierklinik und bekam erste Gewissheit: Ja, ihr Hund hatte einen epileptischen Anfall. Epilepsie ist die häufigste chronische neurologische Erkrankung bei Hunden. Bei einem Anfall kommt es im Gehirn zu plötzlichen, synchronen Entladungen von Nervenzellen. Diese übermäßige Gehirnaktivität führt zu Bewegungsstörungen: zu einem generalisierten Anfall, von dem das gesamte Gehirn betroffen ist. Oder es kommt zu einem fokalen Anfall, der sich nur auf einen bestimmten Bereich des Gehirns auswirkt. Dank des Videos konnte die Neurologin beim Käpt'n sehr schnell einen epileptischen Anfall feststellen. Durch ein MRT wurden andere mögliche Krankheiten ausgeschlossen.
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"Das war natürlich ein Schock", erinnert Anja Helling sich heute. Niederschmetternd. Sie wusste, dass Epilepsie bei Border Collies heftige Auswirkungen haben konnte und häufig nicht so gut therapierbar war. Insgesamt sind laut dem Buch "Die idiopathische Epilepsie des Hundes" nur ein Drittel der medikamentös behandelten Hunde mit Epilepsie anfallsfrei, bei einem weiteren Drittel werden die Anfälle kürzer oder weniger, beim letzten Drittel sind sie nicht therapierbar. Insgesamt haben laut dem Fachbuch 0,5 bis 1 Prozent der Hunde Epilepsie. Bei einigen Rassen sind es aber deutlich mehr.
Zunächst hoffte Anja Helling, dass es für ihren Käpt'n bei diesem einen Anfall bleiben würde.
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Dann aber kam ein weiterer, heftiger Anfall, zum Glück an einem freien Tag, als Anja Helling nicht in der Schule war. Weil der Käpt'n aber nicht mehr als zwei Anfälle in einem halben Jahr gehabt hatte, wollte die Neurologin noch keine medikamentöse Behandlung starten. Doch Anja Helling merkte, dass sie sich damit nicht mehr wohl fühlte, vor allem wenn sie länger bei der Arbeit war. Sie machte sich große Sorgen um ihren Käpt'n.
Sie stellte Kameras in ihrer Wohnung auf, um jederzeit zu wissen, wann er wieder einen Anfall gehabt hatte. Auch polsterte sie Ecken und Kanten von Möbeln aus, damit der Käpt'n sich nicht verletzte. Vor das Bett legte sie eine Schaumstoffmatte, damit er weich fiel, falls er bei einem Krampf vom Bett stürzte. Außerdem besuchte sie mit ihrem Hund die Epilepsie-Sprechstunde der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Dort war man zu einer medikamentösen Behandlung bereit: Der Käpt'n wurde mit Pexion eingestellt und war nach einem weiteren kurzen und milden Anfall neun Monate anfallsfrei.
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Umstellung auf ein anderes Epilepsie-Medikament
Dann kamen weitere größere und kleinere Anfälle. Im Sommer 2023 wurde der Käpt'n schließlich auf ein anderes Medikament, Phenobarbital, eingestellt. "Das war wirklich schrecklich", sagt Anja Helling. Als älterer Border Collie – der Käpt'n war schon acht Jahre alt, als die Epilepsie diagnostiziert wurde – hatte er starke Nebenwirkungen, war wochenlang wie sediert. Er konnte sich kaum auf seinen Pfoten halten, Anja Helling musste ihn tragen und besorgte schließlich einen Baggi, um mit ihm spazieren zu gehen. Anja Helling bezeichnet diese Zeit als ihr "Tal der Tränen". Seine ersten Schritte machte der Käpt'n wieder, als sie zur Eisdiele gingen, wo er die Waffeln so gerne frisst. Das gab den ersten Anstoß. Seitdem ging es bergauf, der Käpt'n war länger am Tag wach, wurde kräftiger, mobiler und bettelte wieder. "Jetzt ist er wieder ganz der Alte", sagt Anja Helling, nur dass er ein wenig wackeliger auf den Pfoten steht. Auch das gehört zu den Nebenwirkungen von Phenobarbital.
Die Einstellung auf das neue Medikament dauerte so lange und war so heftig, weil sich bei Phenobarbital im Gegensatz zu Pexion erst einmal ein Spiegel im Körper aufbauen muss, bis es wirkt. Aber: "Der Kampf hat sich gelohnt", sagt Anja Helling. Seitdem hatte der Käpt'n keinen Anfall mehr.
Was kann man bei einem epileptischen Anfall machen?
Trotzdem ist Anja Helling immer auf einen möglichen Anfall vorbereitet. Durch die Videos, die sie von den vorherigen Anfällen gemacht hat, weiß sie genau, was passiert und auch, wann ein Anfall wieder vorbei ist. Sobald der Käpt'n sich übergibt, weiß sie, was folgen kann, und kann sich darauf vorbereiten. Typische Symptome von Epilepsie können zum Beispiel "Schatten jagen", exzessives Buddeln oder auch das Schnappen nach nicht vorhandenen Fliegen sein. Als Trigger von epileptischen Anfällen gelten Lichter, Geräusche, bei Weibchen der Zyklus und bei Rüden läufige Hündinnen. Oft sei aber gar nicht so eindeutig festzumachen, was den Anfall auslöst. Um dem Auslöser auf den Grund zu gehen, empfiehlt Anja Helling, ein Epilepsietagebuch zu führen. Beim Käpt'n vermutet sie, dass es Geräusche sind, weil er insgesamt sehr geräuschempfindlich sei.
"Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben", sagt Anja Helling. Ihre Tipps, wie man sich beim epileptischen Anfall eines Hundes verhalten kann:
- versuchen, ruhig zu bleiben (auch wenn das gerade am Anfang nicht einfach ist)
- jeden epileptischen Anfall filmen, bis das Verhalten des Hundes wieder "normal" ist
- auf die Uhr gucken
- so gut wie möglich Unterstützung bieten, zum Beispiel etwas Weiches unter den Hund legen
- versuchen, das Tier zu berühren
- wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert: Notfallmedikament verabreichen (es sei denn, der tierärztliche Ratschlag ist ein anderer)
- an heißen Tagen Trockenkühlpacks auf und unter den Hund legen
"Bei einem Anfall kann die Atmung des Hundes aussetzen", weiß Anja Helling. Dann kann der Hund sich dadurch selbst nicht mehr herunterkühlen. Kühlpacks können helfen und verhindern, dass der Körper überhitzt. Die Packs und das Notfallmedikament hat Anja Helling immer dabei. Bei sogenannten selbstlimitierenden Anfällen kommt der Hund wieder selbst aus dem Anfall heraus. Geschieht dies innerhalb von fünf Minuten nicht, sollte er ein Notfallmedikament – Diazepam oder Midazolam zum Beispiel – bekommen. Auch gibt es Tiere, die bei jedem Anfall in einen Status epilepticus fallen, aus dem sie selbst nicht mehr herauskommen. Ihnen sollte man laut Anja Helling das Notfallmedikament direkt verabreichen, wenn der Arzt es so angeordnet hat. Nimmt ein Hund Phenobarbital, sollte der Medikamente-Spiegel regelmäßig kontrolliert werden, rät die Tiertrainerin.
Das Filmen der Anfälle sei hilfreich für den Neurologen, um eine Verschlechterung oder Verbesserung der Krankheit zu erkennen. Auch können sie dem Frauchen oder Herrchen helfen, das Ende eines Anfalls besser einzuschätzen. "Vorbei ist ein Anfall meistens, wenn die Atmung wieder einsetzt und der Hund den Kopf hebt", sagt Anja Helling. Das bedeutet aber nicht, dass der Hund sich danach wieder normal verhält.
Notfälle erkennen und Erste Hilfe leisten: Tipps einer Tierärztin
Was kann man nach einem epileptischen Anfall machen?
"Viele wollen sich danach erst einmal auslaufen", weiß die Tiertrainerin. Dann sei es gut, den Hund im eingezäunten Garten oder angeleint rennen zu lassen und abzuwarten. Man solle ihn unbedingt sichern, weil er noch verwirrt und aggressiv sein könne. Manche Hunde haben nach einem Anfall extremen Hunger oder wollen einfach nur schlafen. "Dann soll man sie lassen."
"Jeder epileptische Anfall kann tödlich enden", sagt Anja Helling. Meistens gehe es gut und viele Tiere könnten lange mit der Krankheit leben, aber das Risiko eines Sudden Unexpeted Death in Epilepsy (SUDEP) sei da. Auch sei die Lebenserwartung bei Hunden mit Epilepsie geringer.
Um sein Tier bestmöglich zu unterstützen und das Risiko von Anfällen und ihren Folgen zu senken, rät Anja Helling:
- Erste-Hilfe-Kurs machen, um im Notfall reanimieren zu können
- Telefonnummer des Tiernotrufdienstes griffbereit haben
- unbedingt zum Neurologen mit ECVN-Diplom gehen und den Hund medikamentös gut einstellen lassen
- die Ernährung an die Epilepsie anpassen
- regelmäßig mit dem Hund zur Physiotherapie gehen
- die eigenen Trainingsmethoden und den Umgang mit dem Tier überdenken, freundlich und bedürfnisorientiert agieren
- Medical Training mit dem Tier machen (es muss oft Tabletten nehmen und viele Tierarztbesuche bewältigen)
- sich mit anderen Hundebesitzern austauschen
- ein Epilepsie-Tagebuch führen
Anja Helling spricht sich deutlich für eine Behandlung mit Medikamenten aus: "Eine unbehandelte Epilepsie verschlechtert sich mit jedem Anfall, denn jeder Anfall bildet Strukturen im Gehirn aus, die den nächsten Anfall begünstigen. Zugleich nehmen bei einer unbehandelten Epilepsie die Intensität und/oder die Frequenz der Anfälle zu." Deswegen sollte Epilepsie bei mehr als zwei Anfällen in sechs Monaten mit Medikamenten behandelt werden. Für die Diagnose und Einstellung empfiehlt Anja Helling Tierneurologen mit ECVN-Diplom und deren spezielle Epilepsie-Sprechstunden:
Liste von Tierneurologen mit ECVN-Diplom
Um sich weiter über Epilepsie zu informieren und im Austausch mit anderen betroffenen Hundebesitzern zu sein, bietet sie selbst via Zoom eine Austauschgruppe an und hat eine Videoserie auf YouTube veröffentlicht. Auch auf der Internetseite "Mein Hund hat Epilepsie" findet man viele weiterführende Informationen.
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Ganzheitlicher Ansatz zur Behandlung von Epilepsie
Die Physiotherapie könne helfen, Verspannungen nach Anfällen zu lösen, Schmerzen vorzubeugen und die Muskulatur wiederaufzubauen. Auch die Anpassung der Ernährung sei oft hilfreich. Anja Hellings Ansatz ist es, die Epilepsie ganzheitlich zu behandeln.
"Aber es ist schon klar, dass das eine hohe finanzielle Belastung ist", sagt sie. Die Besuche beim Neurologen, beim Physiotherapeuten – alles kostet Geld. Selbst wenn man eine Krankenversicherung habe, sei das keine zuverlässige Absicherung – weil diese den Vertrag nach einer Epilepsie-Diagnose beenden könne. Ihr Tipp an alle Hundebesitzer: Schon im Welpenalter monatlich etwas Geld für solche Situationen zurücklegen.
Anja Hellings Leben mit dem Käpt'n hat sich seit der Diagnose verändert, sie lässt ihn nicht mehr so gerne allein, nimmt ihn öfter mit, dosiert aber auf der anderen Seite aufregende Situationen genauer. Sie merkt schon, dass ihr Liebling nicht mehr so leistungsfähig ist und nicht mehr so schnell lernt. Aber sie sagt auch: "Man sollte nicht den Mut verlieren, trotzdem etwas mit dem Tier unternehmen und sich raus trauen." Denn auch zu viel Langeweile könne Stress hervorrufen.
Hinweis: Dieser Text ersetzt keinen Tierarztbesuch. Wenn du bei deinem Hund einen Epilepsie-Verdacht hast, wende dich unbedingt an einen Facharzt.
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